Unser Interview: drei Fragen
1. Frage: Das Standardwerk "Onkologische Krankenpflege" ist im Frühjahr in der 7. aktualisierten Auflage erschienen. Was sind aus deiner Sicht relevante Neuerungen dieser Auflage?
Andrea Gaisser: In den 30 Jahren seit dem ersten Erscheinen sind die Inhalte des Lehrbuchs von Auflage zu Auflage mit den wissenschaftlichen Fortschritten in der Onkologie und den wachsenden Anforderungen an die onkologische Pflege und ihren sich erweiternden Aufgabenbereichen mitgegangen und mitgewachsen. Hier im Herausgeberteam von Anfang an mitzuwirken und die Entwicklungen zu begleiten, war eine spannende und bereichernde Erfahrung.
In die aktuelle 7. Auflage haben wir verschiedene neue Themen aufgenommen, die zunehmend an Bedeutung gewinnen. Dazu zählen
- die Herausforderungen der Survivorship-Care und der palliativen Pflege ebenso wie
- Sport und Bewegung bei Krebs mit ihren günstigen Effekten auf Lebensqualität und Gesundheitszustand.
- Ein Fokus liegt auf der Förderung des Selbstmanagements – wie Betroffene und ihre Angehörigen selbst unterschiedlichen krankheits- oder behandlungsbedingten Problemen begegnen können. Es geht also auch um die Förderung der Patientenkompetenz und um eine partnerschaftliche Gestaltung der Versorgung, in der Betroffene mehr Autonomie erleben.
Selbstmanagement
2. Frage: Was sind die Ziele des (Symptom-)Selbstmanagements, und welche Rolle nimmt das onkologische Pflegepersonal dabei ein?
Andrea Gaisser: Der bei vielen Krebserkrankungen zunehmend chronische Verlauf fordert Betroffenen Fähigkeiten ab, mit ganz unterschiedlichen Folgen der Erkrankung und der Behandlung umzugehen und Wege zur Bewältigung zu finden. Dass sich die Versorgung immer stärker in den ambulanten Sektor verlagert, verlangt ebenfalls Mitwirkung und Kompetenzen seitens der Patientinnen und Patienten.
Der Aspekt des Selbstmanagements zieht sich durch die Kapitel zu den verschiedenen klinischen und pflegerischen Problemen. Informationen zu möglichen Problemen, zu ihrer Erkennung, ihrer Einordnung und ihrem Management sowie zu realistischen Zielen sind wichtige Punkte.
Pflegende sind durch ihren engen Kontakt mit den Erkrankten in einer zentralen Position: Sie können Patientinnen und Patienten durch gezielte Edukation dazu befähigen und dabei unterstützen. Möglichkeiten sind neben dem persönlichen Gespräch etwa telefonische Coachings oder Gruppencoachings.
Unterstreichen möchte ich hier, dass das Buch nicht nur onkologischen Fachpflegekräften, sondern auch Ärztinnen und Ärzten wie auch anderen in die onkologische Versorgung eingebundenen Professionen als hilfreiche Handreichung dienen kann, wenn sie Krebskranke problem- oder symptombezogen versorgen und beraten.
Survivorship-Care
3. Frage: Welchen Nutzen hat eine gezielte Survivorship-Unterstützung? Gibt es aktuelle Entwicklungen, mit denen das onkologische Pflegepersonal den Herausforderungen in der Survivorship-Betreuung zukünftig (besser) gerecht werden kann?
Andrea Gaisser: Survivorship-Care als Unterstützung von Menschen, die eine Krebserkrankung durchgemacht haben oder längerfristig damit leben, ist eine weitere Herausforderung, die sich aus längeren Überlebenszeiten ergibt. Nach der Phase der Rehabilitation und der Nachsorge sind Betroffene oft sehr auf sich allein gestellt, ohne einfachen Zugang zu strukturierter und spezialisierter Hilfe bei neu auftretenden oder anhaltenden gesundheitlichen, psychischen oder auch sozialen Problemen.
Diese Versorgungslücke gilt es zu schließen, und zwar angepasst an individuelle Bedürfnisse. Dazu bedarf es eines multidisziplinären Netzwerks. Erfahrene und speziell qualifizierte onkologische Pflegekräfte können hier eine Schlüsselrolle als Berater spielen, im Bedarfsfall an geeignete Ansprechpartner vermitteln und die Navigation im Versorgungssystem leisten.
Bedarfsorientierte Information hat ebenfalls wesentliche Bedeutung. Survivorship-Care ist eine umfassende Aufgabe, die das Leben für Menschen nach einer Krebserkrankung in vielerlei Hinsicht erleichtern und verbessern kann, auch in Hinblick auf die Reintegration in den Alltag.
Fazit: Verschiedene Konzepte der kontinuierlichen Betreuung von Langzeitüberlebenden werden entwickelt und modellhaft erprobt – Standard sind strukturierte Survivorship-Care-Programme allerdings bisher noch nicht.
Zum Weiterlesen: Verwendete Quellen und vertiefende Informationen
Zum Buch: Jahn P, Gaisser A, Bana M, Renner C, Hrsg. Onkologische Krankenpflege. 7. Aufl. Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2024. doi: 10.1007/978-3-662-67417-8.
*Zur Person: Als Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin war Andrea Gaisser beteiligt am Aufbau des Krebsinformationsdienstes und an der Entwicklung und Qualitätssicherung des Angebots. Sie ist Autorin und Koautorin zahlreicher Artikel und Buchbeiträge zum Informations-, Kommunikations- und Unterstützungsbedarf von Krebsbetroffenen, auch auf der Basis von begleitender Versorgungsforschung beim Krebsinformationsdienst.